Beim Singen mit schiefen Tönen zu kämpfen, kann enorm belastend sein. In diesem Artikel gehe ich auf vier Ursachen ein, die ich über viele Jahre hinweg immer wieder beobachtet habe und stelle einige Lösungsansätze vor.
Aber zuerst…
Was muss eigentlich passieren, damit man einen Ton trifft?
- Die Informationsübertragung vom Gehör zum zentralen Nervensystem ist intakt.
- Die Stimme reagiert auf unterschiedliche Tonhöhen, entsprechend dem zuvor Gehörten.
- Die muskuläre Koordination unseres Stimmsystems ist nicht beeinträchtigt. Sie reguliert feinste Anpassungen in den Bereichen Tonhöhe und Dynamik und unser Stimmsystem kann diese voneinander unterscheiden.
Schiefe Töne sind die Folge einer Dysbalance in mindestens einem dieser Bereiche. Sehen wir uns hierzu vier Ursachen an. Wir gehen dabei davon aus, dass das Gehirn die musikalische Information grundsätzlich verarbeiten kann.
Ursache Nr.1: Singen ist noch negativ behaftet
Stimme ist etwas zutiefst persönliches. Sie ist so einmalig wie unsere Iris und der Fingerabdruck. Eine negative Singerfahrung im Kindes- oder Jugendalter genügt und die Stimme macht zu – für sehr lange Zeit.
Eine Person, auf die das zutrifft, hört, dass sie schief singt. Es ist jedoch für die Stimme unmöglich auf das Gehörte richtig zu reagieren. Womöglich kommt die Stimme mit eher tiefen Tönen noch relativ gut zurecht. Sobald es jedoch nur ein wenig höher wird, hält sie sich hartnäckig in ihrer tieferen Komfortzone.
Lösungsansatz: Keine auditive Herangehensweise, sondern eine somatische1
Töne treffen ist nicht das Ziel, sondern das Sammeln positiver Erlebnisse mit dem Singkörper zur Musik, um das Gehör wieder nach und nach an das Singsystem anzubinden. Wenn wir das angenehme, somatische Erleben voranstellen, wird das Gehör folgen.
- Tonhöhen vorerst nicht thematisieren.
- Stattdessen mit unterschiedlichen Ausdrucksmustern arbeiten und Klangfarben entdecken.
- Das Stimmsystem erfahren lassen, wie Atmung und Stimme miteinander interagieren.
- Nicht hinhören, sondern hinfühlen.
Pädagogischer Tipp: Das Vocal Coaching so framen, dass es für die singende Person nichts falsch zu machen gibt.
Ursache Nr.2: Der Singsinn versteht die Melodie noch nicht
Das ist seltener der Hauptgrund, als man meinen möchte. Das Problem tritt auf, wenn man in der Musik einer Facette begegnet, die man bisher zu wenig oder noch gar nicht gehört2 hat; Z.B. ein plötzlicher Tonartwechsel, ungewohnte Harmonik, komplexe Riffs / Koloraturen, eine andere Musikkultur mit einem anderen tonalen Verständnis

Lösungsansatz: auditiv und musiktheoretisch mit praktischer Anwendung
- innerhalb der Tonart(en) improvisieren, damit der Singsinn lernt welche Töne überhaupt möglich wären
Pädagogischer Impuls: „Du kannst nicht viel falsch machen. Es gibt wesentlich mehr Töne, die passen, als solche die nicht passen. Nur Mut!„ - komplexe Melodien langsam abspielen und Ton für Ton summen (bzw. SOVTEs / Kugelfisch / Blubber … verwenden) -> wichtig: eine Melodie in kleine Einheiten aufteilen und diese (später) auch ohne Instrumentalbegleitung singen
- Sehr kurze Ausschnitte von Melodien auf dem Klavier / einer Pianoapp nachspielen und nachsummen.
Pädagogischer Impuls: „Dieses Softskill zu lernen ist anfangs ein wenig mühsam, aber es lohnt sich da dranzubleiben. Am besten immer wieder in kleinen Einheiten probieren.„
Ursache Nr.3: Der Singsinn unterscheidet noch nicht zwischen Tonhöhe, Lautstärke und Klangvolumen
Energetisch ähnelt das Anheben der Lautstärke dem Anheben der Tonhöhe. Funktional managed unser Stimmsystem das aber unterschiedlich. Und dann gibt es noch eine dritte Ebene – Klangvolumen. Das Klangvolumen kann auf dem selben Ton zu- und abnehmen, ohne dass sich dabei die Lautstärke ändern muss3. Da liegt die Verwechslungsgefahr quasi auf der … Stimme. ;).

Das ist die Ursache, wenn:
- die Töne immer dann schief werden, wenn die Melodie abwärts geht.
- eine wiederkehrende Melodie in unterschiedlichen Lautstärken oder Klangcharakteristika gesungen werden soll4 und dabei die richtige Tonhöhe nicht beibehalten wird.
Lösungsansatz: erst somatisch und logisch, dann auditiv
- Die Aussprache der Vokale entsprechend ihrer dynamischen Regeln umsetzen.
- Eine Melodie mit geringem Tonumfang in drei unterschiedlichen Lautstärken singen, ohne die Tonhöhe zu verändern – ggf. Vokale entsprechend austauschen.
Pädagogischer Impuls: Wie bereitet mein Singkörper unterschiedliche Lautstärken bei gleichbleibender Melodie / Tonalität vor? Was fühle ich wo? - Die selbe Melodie in drei unterschiedlichen Tonarten singen, ohne die Lautstärke zu verändern.
Pädagogischer Impuls: Macht mein Singkörper dasselbe wie vorher, oder ist etwas anders? - Lautstärkewerte von 1-10 in Relation zu unterschiedlichen Stimmlagen kennenlernen. Pädagogischer Impuls: Welche Lautstärken sind wo möglich und wie reagiert mein Singkörper auf diese Unterschiede?
- Fließende Lautstärkewechsel auf Einzeltönen singen; Exakte Tonhöhen immer mit dem Klavier abgleichen
Hinweis: Unterschiedliche Vokale haben unterschiedliche Lautstärkemöglichkeiten. Diese muss unser Stimmsystem bereits kennen, um die Übungen richtig ausführen zu können.
Ursache Nr.4: Unkontrollierte Verspannungen der Kehlkopfmuskulatur durch falsche Stimmverwendung
Die häufigste Ursache. Es gibt unterschiedliche Arten zu singen, wobei das Instrument Stimme immer nach denselben Prinzipien funktioniert.5 Korrekte Technik arbeitet immer mit dem Stimmsystem, nie dagegen.

Inkorrekte Technik ist die Ursache, wenn:
- sich die Töne in einer bestimmten Stimmlage gequetscht anfühlen, oder schief werden
- bestimmte Vokale einen schiefen Ton verursachen
- das Singsystem noch nicht versteht, wie es die Luft in Relation zu Vibrationsmasse, Tonhöhe und laryngealer Konfiguration (Klangeinstellung) korrekt dosieren soll
-> Beispiel: Wir können in der höheren Mittellage weich und zart singen, volle Power geben, oder irgendwo dazwischen liegen. (siehe Abb. 2) All das erfordert schnelle Anpassungen auf stimmfunktionaler Ebene und folgt Regeln, die unser Singsystem umsetzen muss.
Lösungsansatz: Step by Step – erst logisch und somatisch, dann auditiv
-> Die Stimme muss so arbeiten können, dass sie unkontrollierte Verspannungen von vornherein vermeidet.
- Der Klangwunsch für die betreffende Stelle gibt die Richtung vor. Die Entscheidung liegt beim Künstler. I.d.R. ist das die singende Person. Der Vocal Coach kann als Orientierungshilfe Vorschläge machen.6
Pädagogische Überlegung: Dieser Schritt muss nicht immer thematisiert werden. In vielen Situationen ist bereits klar, was die singende Person möchte. Hier gilt: Zügig ins Tun kommen und nicht mehr viel quatschen. Workflow geht vor. - Unkontrollierte Verspannungen der Kehlkopfmuskulatur lösen – Verbindung zwischen Atem und Stimme herstellen
- Dem Klangwunsch gemäß die entsprechende laryngeale Konfiguration mit passendem Vokal in der mittleren Stimmlage vorbereiten und anschließend den betreffenden Tonumfang Halbton um Halbton sichern.
- Die Melodie der betreffenden Stelle mit dem Übungsvokal singen.
- Die Melodie der betreffenden Stelle auf Text + Übungsvokal singen.
Zusammenfassend:
Schiefe Töne in den Griff zu bekommen ist manchmal ein riesen Haufen Arbeit. Es braucht Strategie und Geduld. Der beste Weg dorthin ist Spaß an guter Stimmarbeit und das Entwickeln von Liebe zum Detail. Dann werden schiefe Töne nach und nach seltener. Eines Tages sehen wir uns um und wundern uns: „Ja wo sind sie denn geblieben?“
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