Heute nehme ich euch mit in ein kleines Vocal-Recovery-Programm für die Singstimme.
Voraussetzung ist, dass die Erkältung bereits abgeklungen ist und Atemwege sowie Vokaltrakt nicht mehr durch Sekret beeinträchtigt sind.
Nach einer Erkältung klingt die Stimme bei Wechseln zwischen den Stimmlagen oft inkonsistent, und auch die dynamische Flexibilität ist eingeschränkt.
Häufig genügen gezielte Atem- und SOVT-Übungen, um die Singstimme wieder in Bewegung zu bringen. Es kommt jedoch auch vor, dass die Stimme im Song plötzlich anders reagiert als erwartet oder die Stimmführung an Stellen inkonsistent wird, an denen es vor dem Infekt keinerlei Probleme gab.
Genau an diesem Punkt setzen wir an.
Im folgenden, gekürzten Video zeige ich das Vocal-Recovery-Konzept exemplarisch anhand eines Songausschnitts. Ich hatte selbst zwei Tage zuvor eine Erkältung mit Hals- und Ohrenschmerzen und habe mich nach diesem Prinzip spät abends durch meine Stimme „singploriert“ und das ganze kurzerhand per Handyaufnahme dokumentiert. Man weiß ja nie, wann man sowas mal brauchen kann.
Die Erkältung war zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits vollständig ausgeheilt.
Gut zu wissen: Das Vocal-Recovery-Konzept versteht sich nicht als Anleitung zum direkten Nachmachen, sondern als eine grundsätzliche Methodik, die man wie einen Werkzeugkasten verwenden kann.
Was wir hier hören:
Teil 1: Nr. 1-3 – Vorbereitung des Singsystems auf unterschiedliche laryngeale Klangeinstellungen, ohne Zusammenhang zur Musik
1) Summen (wahlweise mit Kaubewegungen und / oder auf Unterlippe herausgestreckter Zunge) – für einen eher offenen Vokaltrakt und weiches Klangbild
2) Rufklänge mit dem Luftstrom in Balance bringen – aktiviert die Anbindung der Stimme an die Atemhilfsmuskulatur + stabilisiert die tiefe Stimmlage (auch als Vorbereitung fürs Belting geeignet)
3) Cricothyroid-Kippung bei geringer Lautstärke und unterschiedlichen Vokalen – für mehr Stabilisierung und Beweglichkeit
Teil 2: Nr. 4-9 – Gesangstechnisches Arbeiten am Song (Singploration)
4) Einfach mal drauf los singen und schauen was passiert
5) Einen Baustein herausgreifen und damit arbeiten – hier: „his fingers“ – „hEHs fEHngÖrs -> mehr Stabilität und Klangpräsenz durch Ruf-Einstellung (in Complete Vocal Technique: Vocalmode Overdrive)
6) Zurück ins Singen kommen
7) Aufwärtsführende Melodie stimmlich vereinfachen und in einer einzigen laryngealen Einstellung vorbereiten -> hier führt die metallische Klangeinstellung zu mehr Stabilität und Kompaktheit
8) Melodie auf Text singen und Dynamik ggf. anpassen
9) Den Singkörper am Song auf etwas mehr Ausdauer triezen -> Endungen betont deutlich beenden (Vibrationsmasse gegen Ende nicht verringern), Phrasen länger singen als nötig, Phrasen miteinander verbinden, um die Einatmung hinaus zu zögern
Teil 3: Nr.10-16 Gegebenenfalls unbeabsichtigte Vocal Effects bewusst ansteuern – Hinzunehmen und Weglassen
Vocal Effects können auf und oberhalb der Stimmbandebene auftreten. Sie können bewusst gewählt werden. Nach einer Erkältung treten sie aber manchmal unbeabsichtigt auf und können so unser Singsystem aus dem Gleichgewicht bringen. Deshalb ist es grundsätzlich wichtig, jede Passage, die einen Vocal Effect beinhaltet auch ohne diesen klar singen zu können.
10) Verschiedene Vocal Effects präzise setzen (sofern vorher gelernt, sonst bitte weglassen)
11) Songausschnitt auf Vokalen fortsetzen – erst zart und prägnant,
12) dann mit etwas längerer Verschlussphase der Stimmlippen (Vokalwechsel beachten)
13) + leichte Aktivierung der Taschenfalten für etwas mehr Wumms im Sound (OH wie in „show“ und EH wie in „Fell“ sind möglich)
14) Zurück zum weichen Klangbild -> hier hätte ich einen Zwischenschritt einbauen können, um den Wechsel weicher zu machen. Aber die Geduld hatte mich kurzzeitig verlassen.
15) Deshalb muss ich jetzt einen kleinen Umweg gehen, denn das Creaking will ungeplant zurück -> bewusst einbauen und anschließend wieder wegnehmen
16) Das Creaking gezielt weglassen durch gleiche Vorgehensweise wie in Schritt 12 und 13 – wieder mit Melodie der Songpassage.
Man beachte, wie viel der Singkörper nach einer Erkältung selbst für vermeintlich einfache Passagen leisten muss. Dieses Mehr an Energie muss der Körper zunächst bereitstellen können. Ein solches Recovery-Programm1 ist nicht sinnvoll, wenn man gerade erst aus dem Bett gekrochen ist.
Deshalb: vorher eine Runde um den Block spazieren gehen. Wenn das gut funktioniert, ist in der Regel auch genügend Energie für ein Vocal Recovery am Song vorhanden. 🙂
Viel Vergnügen und gute Besserung für eure Stimme!
Beste Singgrüße,
Tamara
- Diese Arbeitsprinzipien basieren überwiegend auf der Complete Vocal Technique. Die korrekte Anwendung der CVT für die eigene Stimme lernt man am besten in Zusammenarbeit mit einem Authorised CVT Teacher vor Ort, oder auch direkt hier bei mir im Onlinestudio. ↩︎
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