— oder wovon lebt mein Song?
Fühlt mein Publikum den Song, auch wenn ich ihn gerade nicht fühle?
Diese Frage stand neulich unausgesprochen im Raum, als ich eine Sängerin als Coach beim Recording begleitet habe. Wir waren irgendwo mitten im Song – für sie gefühlt bei Take 555.
Tatsächlich war es erst der vierte Take1 dieser Strophe und die Sängerin hatte Sorge, aufgrund der Wiederholungen den Bezug zur Musik zu verlieren.
Ein Musikstück berührt uns, wenn der Interpret dessen Essenz erfasst hat und entsprechend wiedergeben kann. Das benötigt gute Vorbereitung. Wenn wir als Zuhörer auf ein Konzert gehen und uns ein Musikstück von Anfang bis Ende mitnimmt, dann hat der Interpret genau das geschafft.
Auf einer gelungenen Aufnahme erleben wir das auch. Wir hören die Musik nicht nur, sondern wir erfahren und erleben sie — vorausgesetzt wir schenken der Musik unsere volle Aufmerksamkeit.
Und hier wird es spannend: Natürlich wäre es ideal, die Aufnahme so nah an einer Liveperformance zu haben wie möglich – das ist aber nur in den seltensten Fällen möglich und auch oft nicht die beste Lösung für das Endprodukt.
Auf Gesang bezogen: Statt den Song immer wieder komplett zu singen bis das Ergebnis passt, wird häufig in größeren Abschnitten gearbeitet und jeder neue Take erfüllt einen bestimmten Zweck. Am Ende einer Aufnahmesession hat man von jedem größeren Abschnitt mehrere gute Takes und kann die besten auswählen und zu einem Song zusammenfügen.
Wer Erfahrung mit dem Aufnehmen hat weiß, was das bedeutet: Man hat den Part bereits so oft gesungen, dass man beginnt den Bezug dazu zu verlieren.
Und genau das löste bei der Sängerin diesen Frustmoment aus. Der Take war jetzt zwar perfekt, aber für sie war das Gefühl nicht mehr greifbar – was uns zur Titelfrage führt:
Fühlt mein Publikum den Song, auch wenn ich ihn gerade nicht fühle?
Diese Frage möchte ich auf zwei Ebenen angehen. Die erste Ebene kann etwas knackig sein. Gleichzeitig bietet sie aber auch eine enorme Erleichterung.
Ebene 1: Es geht nicht in erster Linie um unsere Gefühle, sondern
um den Ausdruck der Musik und dass das Publikum diese Musik auf ihre ganz eigene Weise erleben darf.
Aber wenn ich selbst gerade nichts fühle – wie soll dann mein Publikum fühlen?
Unser eigener, individueller Bezug zum Song kann ein völlig anderer sein als für den Zuhörer. Der Zuhörer braucht den Raum, um an der Musik einen eigenen Teil – einen Anteil zu haben. Dem können unsere eigenen Gefühle sogar manchmal im Weg stehen. Ein Musikstück in einem Konzertsaal, in einem Club, in einem Stadion kann hunderte oder tausende individuelle Bedeutungen bekommen. Diese Bedeutung shapen nicht wir Interpreten – das macht der Hörer selbst. Das macht er auch dann noch, wenn wir gerade nicht wissen, was wir fühlen und ob überhaupt. Genau hier bekommt der Zuhörer die räumliche Offenheit, den Song so zu erleben, wie er für ihn gerade stimmig ist.
Ich finde darin liegt eine große Erleichterung. Denn wir müssen nicht kontrollieren, was im Außen ankommt. Wir dürfen uns einfach auf die Musik einlassen und die Musik macht dann den Rest – durch Annahme des Publikums.
Womit wir bei Ebene 2 wären.
Ebene 2: Die Musik trägt bereits alles in sich, was das Publikum braucht.
Wir generieren nicht den Ausdruck, wir vermitteln ihn nur – als Sänger:innen durch den Text und durch die Musik.
Das passiert durch gute Vorbereitung.
Eine gute Vorbereitung auf eine Aufnahmesession setzt sich aus folgenden Komponenten zusammen:
- inhaltliche Komponenten – ein vertieftes Textverständnis: nicht im Sinn einer theoretischen Analyse, sondern vielmehr ein Erfassen und Wahrnehmen verschiedener Bedeutungsebenen und Nuancen. Wir lassen uns ein Stück weit davon berühren, aber nicht so weit, dass das Gefühl das Ruder übernimmt. Das Publikum darf weinen und lachen – nicht der Interpret. Das bedeutet nicht, dass wir Interpreten gefühlskalt sein sollen – ganz im Gegenteil. Aber die Emotion unserer Performance kommt nicht aus dem unkontrollierten Herauslassen von allem, was uns gerade umtreibt. Das ist keine Therapie. Es ist ein Kanalisieren für das Publikum. Das gilt auch für den härtesten Metalsong, der die tiefste Wut und größte Frustration transportiert. Wir Sänger:innen sind das Vehikel, nicht der Generator. Wir steigen voll ein, ohne uns selbst darin zu verlieren. Wir führen uns innerhalb des Kanals.
- musikalische Komponenten: Das Metrum, der Rhythmus, die Einsätze, die Pausen, die Längen, die Bedeutung einer Melodie – all das korrekt wiederzugeben erfordert höchste Konzentration und präzise Vorbereitung, damit die Musik dann während der Aufnahmesession frei fließen kann und wir uns keinen Kopf mehr darüber machen müssen.
- stimmliche Komponenten: unser Instrument muss das können, was der Song braucht – und das lange genug vor dem Aufnahmetag. Denn wenn wir in einer Aufnahme gedanklich mit unserer Stimme beschäftigt sind und uns tausend Fragen und Zweifel durch den Kopf schießen, sind wir überall sonst — nur nicht bei der Musik.
Fazit:
Alle diese Facetten transportieren die Bedeutung und den Ausdruck unserer Musik. Wir dürfen uns innerlich zurücklehnen. Die Vorbereitung hat alles zutage gefördert, was der Zuhörer braucht. Und es wird dasein, wenn wir aufnehmen. Auch wenn wir zwischendurch „gefühlt“ bei Take 555 gerade gar nicht mehr wissen, worüber wir hier eigentlich singen. Es kommt trotzdem an. Verlass dich drauf. Dein Singsinn erinnert sich für dich. Du hast deinen Teil bereits getan.
- Take: Ein Durchlauf während einer Aufnahmesession. Beispiel: Im ersten Take nehmen nehmen wir den Song einmal komplett auf. Mit dem zweiten Take dann erstmal nur die Strophen 1 und 2. ↩︎
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